
Am 6. Oktober fand in Wien am Sitz der OSZE in der Hofburg der Runde Tisch „Vereint im Gedenken: Nationale Perspektiven auf die Tragödie von Maly Trostinec“, die von der Botschaft der Russischen Föderation und der Botschaft der Republik Belarus organisiert wurde, in englischer und russischer Sprache statt.
Im Jahr 2019 enthüllte die Republik Österreich auf Beschluss des Nationalrats mit wohlwollender Unterstützung der Republik Belarus in der Gedenkstätte Maly Trostinec bei Minsk das Mahnmal „Massiv der Namen“ zur Erinnerung an die über 9700 jüdischen Österreicherinnen und Österreicher, die dort von den Hitler-Faschisten ermordet wurden.

Die Konferenz behandelte mit neun kurzen Vorträgen und Präsentationen aus Belarus, Russland, Österreich und der Schweiz verschiedene Aspekte der hitler-faschistischen Vernichtungsstätte Maly Trostinec bei Minsk.
Der KZ-Verband/VdA Oberösterreich nahm durch seinen Landesvorsitzenden Harald Grünn an dieser wichtigen antifaschistischen Veranstaltung teil. Der Landesvorsitzende Grünn behandelte in seinem Beitrag die Bedeutung der Vernichtungsstätte Maly Trostinec in Zusammenhang mit der Ermordung der österreichischen jüdischen Bevölkerung und stellte exemplarisch den Bezug Oberösterreich und Maly Trostinec über das „Das Reichsstrassenbau-Wohnlager Traunsee / Traunkirchen“ her. Insgesamt waren von April 1939 bis September 1942 über längere oder kürzere Zeit 697 Personen im „Reichsstraßenbaulager Traunsee“, 476 davon Juden. Laut der Foschungsergebnissen des Zeitgeschichte Museums Ebensee wurden mindestens 93 jüdische Zwangsarbeiter aus dem Lager Traunkirchen in Maly Trostinec ermordet. Von den 476 jüdischen Zwangsarbeitern des Lagers erlebten nur 17 Personen die Befreiung vom Hitler-Faschismus.
Der Beitrag des KZ-Verband/VdA Oberösterreichs wird am Ende des Berichts in deutscher Sprache veröffentlicht.

Die Konferenz wurde von Dieter Reinisch, Vorsitzender der Österreich-Weißrussischen Gesellschaft moderiert. In zugeschalteten Videobotschaften richteten der stellvertretende Außenminister der Russischen Föderation Dmitri Ljubinski und der stellvertretende Außenminister der Republik Belarus Igor Sekreta Grussworte an die Konferenz. Anschließend folgten neun unterschiedliche inhaltliche Beiträge, die verschiedene Aspekte der faschistischen Vernichtungsstätte Maly Trostinez bei Minsk behandelten. Die Beiträge wurden von Vadim Gigin, Generaldirektor der Nationalbibliothek von Belarus, Ruslan Gagkuev, Vorstandsvorsitzender der Russischen Historischen Gesellschaft, Ralph Bosshard, Oberstleutnant im Gst im Ruhestand der Schweizer Armee, Kuzma Kozak, Außerordentlicher Professor am Institut für Quellenkunde der Belarussischen Universität, Andrey Pashkin, Direktor des Staatsarchivs für neuere Geschichte der Oblast Uljanowsk, Thomas Lösch, Historiker St. Pölten, Galina Levina, Leiterin des Levin Architectural Studio und Vadzim Koshman, Leitender Forscher am Institut für Geschichte der Nationalen Akademie der Wissenschaften von Belarus (Abteilung für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit) sowie Harald Grünn, Landesvorsitzender des KZ-Verband/VdA OÖ, gehalten.

Die Konferenz wurde durch abschließende mahnende Worte des Botschafters Russlands in Österreich Andrej Grosow, des Botschafters von Belarus in Österreich Andrej Dapkjunas und des Ständigen Vertreters Russlands bei der OSZE Dmitri Poljanski beendet.
Im Rahmen der Veranstaltung wurde mit Unterstützung des Föderalen Archivamtes Russlands (Rosarchiv) zudem eine Dokumentenausstellung veranstaltet, die zahlreiche Gräueltaten der Nationalsozialisten auf dem Gebiet von Belarus aufdeckt.
Dokumentiert: Beitrag von Harald Grünn, Landesvorsitzender des KZ-Verband/VdA OÖ, „Vereint im Gedenken: Nationale Perspektiven auf die Tragödie von Maly Trostinec“, 6. Oktober 2026.
Ich bedanke mich recht herzlich für Organisation dieser Tagung zu diesem für die antifaschistische Erinnerungskultur in Österreich wichtigen Thema, der Vernichtungsstätte Maly Trostinec.
Die Bedeutung der Vernichtungsstätte Maly Trostinez
Lassen sie mich zu Beginn erinnern, dass uns als antifaschistische Österreicher bewusst ist, dass in Maly Trostinec bei Minsk zehntausende sowjetische Bürger, Funktionäre des Sowjetstaates und der Kommunistischen Partei, Partisanen, Widerstandskämpfer, sowjetische Kriegsgefangene im Zuge des Vernichtungskriegs Hitler-Deutschlands gegen die Sowjetunion ermordet wurden.
In Maly Trostinec wurden allerdings auch viele österreichische Juden ermordet, nur in Auschwitz-Birkenau war die Zahl der ermordeten österreichischen Juden noch höher.
In Maly Trostinec wurden mit ganz wenigen Ausnahmen alle der mehr als 8500 aus Wien direkt deportierten Juden erschossen oder in Gaswagen mit Auspuffgasen erstickt. Ebenso der Großteil jener 1000 Juden, die im November 1941 von Wien ins Ghetto von Minsk deportiert worden waren und Hunger, Kälte und Krankheiten des Winters 1941/42 überlebt hatten. Dazu kamen Österreicher, die mit Zügen aus anderen Orten nach Minsk bzw. Maly Trostinec gebracht wurden, darunter 67 aus Brünn und 143 aus Theresienstadt. Insgesamt über 9700 Juden aus Österreich wurden nach heutigem Wissensstand in der Vernichtungsstätte Maly Trostinec bei Minsk ermordet.
Wir sind uns auch bewusst, dass zwar exakte Zahlen und Namenslisten der nach Maly Trostinec deportierten und ermordeten österreichischen Juden existieren und diese somit auch der Vergessenheit entrissen werden können. Für die zahllosen sowjetischen Opfer von Maly Trostinec ist dies nicht möglich. Dies offenbart selbst hier ein rassistisches Gefälle, das sich aus den Dokumenten der faschistischen Täter ergibt: Den Hitler-Faschisten waren ihre reichsdeutschen Mordopfer immerhin eine namentliche Registrierung und Statistik wert, für die osteuropäische jüdischen und slawischen Mordopfer wurden nicht einmal eine exakte Opferlisten erstellt.
Oberösterreich und Maly Trostinec: Das Reichsstrassenbau-Wohnlager Traunsee / Traunkirchen
Ich möchte die Verbindung Oberösterreich und Maly Trostinec anhand des Arbeitslagers in Traunkirchen exemplarisch darstellen. Ich beziehe mich dabei auf eine Forschungsarbeit des Zeitgeschichte Museum Ebensee / Memorial Ebensee.
Nach der Okkupation und Annexion Österreichs im März 1938 begannen ab Oktober 1939 bis Oktober 1942 mit oft monatelangen Unterbrechungen die Deportationen der österreichischen Juden. Daneben blieben aber die Zwangs-Arbeitslager für österreichische Juden im besetzten Österreich bis September 1942 bestehen, insgesamt 30 Lager, 6 davon in im Gebiet des damaligen Oberösterreichs, darunter auch Traunkirchen im Salzkammergut.
Die Vorbereitungsarbeiten zum Ausbau der heutigen Bundesstraße 145 im Gemeindegebiet Traunkirchen im Salzkammergut erfolgten bereits im Frühjahr 1939. Drei Baufirmen wurden mit dem Projekt beauftragt. Es enstanden Baracken für ein Wohnlager der Bauarbeiter.
Der Gauleiter von Oberdonau August Eigruber ordnete per 31. Mai 1940 die Errichtung eines „Erziehungslagers für Arbeitsunwillige in Traunkirchen“ an. Tatsächlich wurden in der Folge nur Wiener Juden in das Lager eingewiesen. Der Landrat des Kreises Gmunden meldet am 11. Juni 1940 dem Bürgermeister von Traunkirchen die Ankunft von 250 Juden aus Wien im Arbeitslager Traunsee für den Einsatz bei Straßenbauten.
Mit dem Eintreffen der ersten jüdischen Zwangsarbeiter mussten die nicht-jüdischen Arbeiter das Lager verlassen und wurden in privaten Quartieren untergebracht, da Juden getrennt von deutschen und ausländischen Arbeitern unterzubringen waren.
Insgesamt waren von April 1939 bis September 1942 über längere oder kürzere Zeit 697 Personen im „Reichsstraßenbaulager Traunsee“, 476 davon Juden. Alle Insassen waren polizeilich gemeldet, alle Zu- und Abgänge wurden vom Lagerführer an das Gemeindeamt Traunkirchen gemeldet und offiziell im Meldebuch eingetragen.
Laut der Forschungsergebnissen des Zeitgeschichte Museums Ebensee wurden mindestens 93 jüdische Zwangsarbeiter aus dem Lager Traunkirchen in Maly Trostinec ermordet. Von den 476 jüdischen Zwangsarbeitern des Lagers erlebten nur 17 Personen die Befreiung vom Hitler-Faschismus.
Das Lager Traunsee blieb auch über das Jahr 1942 hinaus bestehen. Statt der jüdischen Zwangsarbeiter wurden nunmehr sowjetische Zwangsarbeiter interniert und zur Sklavenarbeit eingesetzt.
Nicht behandeln möchte ich in meinem kurzen Beitrag den Anteil Hitler-faschistischer Verbrecher und Kollaborateure mit österreichischer Abstammung wie beispielhaft August Eigruber oder Ernst Kaltenbrunner. In Österreich ermittelten Staatsanwaltschaften zwischen 1962 und 1970 gegen 47 Personen sowie einige namentlich nicht bekannte Beschuldigte im Zusammenhang mit Maly Trostinec. Gegen 46 Personen wurde das Verfahren noch vor einer Anklageerhebung eingestellt, nur gegen eine Person ‒ Josef Wendl, Gaswagenfahrer ‒ wurde Anklage erhoben. Wenig überraschend für Österreich wurde Josef Wendl 1970 freigesprochen. Die österreichische Justiz unternahm spätestens mit Beginn des Kalten Krieges keinerlei Anstrengungen, zur Aufklärung und Ahndung der faschistischen Massenverbrechen von Maly Trostinec – oder auch anderswo – beizutragen, obwohl es dafür einen klaren antifaschistischen Auftrag gemäß unserer antifaschistisch-demokratischen Verfassung und des Staatsvertrags gab.
An dieser Stelle möchte ich mich aber auch bei den diplomatischen Vertretungen von Russland und Belarus für die Erinnerung und Ehrung unserer österreichischen antifaschistischen Widerstandskämpfer bedanken.
Ich hoffe, dass bald die Zeit kommen wird, wo EU-Sanktionen und Konfrontationskurs der Vergangenheit angehören und sich die antifaschistische Gedenk- und Erinnerungsarbeit für Frieden und Völkerverständigung ungehindert entfalten kann.
Hinweis: Bildquellen: KZ-Verband/VdA OÖ, Botschaft von Belarus, Botschaft der Russischen Föderation
Oktober 9, 2026
Oktober 9, 2026
Oktober 9, 2026







